Nicht nur Merkel, der Westen braucht Erdoğan

„Erdoğans gescheiterte Syrienstrategie“, hieß es seit Jahren regelmäßig aus den Redaktionsstuben westlicher Medien. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan habe sich verzockt, er sei auf ganzer Linie gescheitert, so die von einer insgeheimen Schadenfreude begleiteten Vorwürfe an die Türkei.

Doch jener Putin, dem der Westen in Syrien mit der Gelassenheit eines Popcorn essenden Kinobesuchers zuschaute, katapultiert nun den Westen wieder zurück in die Realität. Während er die moderate Opposition angreift, zehntausende Zivilisten in die Flucht in Richtung Europa wegbombt, mit einer Militärpräsenz, die das bis dahin mit dem Rücken zur Wand stehende syrische Regime zum Moskauer Vasallenstaat aufbaut, degradiert er zugleich die Anti-IS Allianz zum Handlanger des russischen Machtbestrebens in Syrien. Ein Totalversagen westlicher Syrienpolitik!

Merkels Besuch in Ankara ist nichts anderes, als der klägliche Versuch, einen Teil der Folgen dieses Totalversagens, für die EU so niedrig wie möglich zu halten. Sie besuchte einen türkischen Präsidenten, der lange bevor Daesh oder Putin begonnen hatten Zivilisten in die Flucht nach Europa zu bomben, auf internationalem Parkett vergeblich um die Einrichtung einer „Sicherheits- und Flugverbotszone“ in Syrien warb – um die Flüchtlinge in Syrien versorgen zu können. Während die moderate Opposition unterstützt werden sollte, würde Ankara im Eiltempo ganze neue Städte in Nordsyrien hochziehen, so die interessante Idee aus Ankara.

Damit wären die Flüchtlinge nicht mehr gezwungen in die Türkei und den Westen weiterzuziehen und die moderate Opposition könnte sich mit eigenen Kämpfern erfolgreich gegen Assad und Daesh behaupten. Und Putin hätte sich nicht als quasi Kolonialherr in Syrien niederlassen können. Diese Syrienstrategie der Türkei, einem vom Bürgerkrieg in Syrien betroffenem Nachbarstaat, der leise und ohne große Diskussionen Millionen von syrischen Flüchtlingen aufnahm, prallte jedoch an der „westlichen Mauer von verschiedenen Interessen“ ab.

Mit dem Flüchtlingsstrom aus dem Nahen Osten wird nun sichtbar, wie bröckelig die westliche Interessensmauer gebaut ist. Ein Mörtelkonsistenz dessen Zusammensetzung nicht auf die Interessen der einheimischen Bevölkerung beruht, sondern auf die perfide Machterhaltungsstrategie des syrischen Diktators, die demokratische Opposition zu „religiösen Fundamentalisten“ wie Daesh, zu verklären.

Eine Folge dieser perfiden Strategie war und ist noch die Rehabilitierung aller, die behaupten sie würden gegen Daesh kämpfen. Während ein Haufen von zweifelhaften Regimes wie Moskau und Teheran oder Terrororganisationen wie PKK und Hisbollah, die nichts mit der ursprünglichen Intention eines demokratischen Syriens zu tun haben, zu Partnern des Westens erklärt wurden, wurden die Freie Syrische Armee (FSA) und andere moderate Kräfte fallen gelassen.

Westliche Politiker sprachen von einer Unterstützung eines unabhängigen PKK-Staates in Nordsyrien oder der „Aufwertung“ Irans als Gegengewicht zu den sunnitischen Staaten in der Region. Dabei blieben wieder jene Interessen der großen Mehrheit der sunnitischen Araber unberücksichtigt. Diese Menschen, die man nun im Westen nicht einmal als Flüchtlinge haben will, sind Opfer des Daesh-Terrors, Opfer des PKK-Terrors, Opfer des Assad-Terrors und Opfer der russischen Bombenangriffe.

Hätte der Westen Erdoğans Strategie, die konsequente „Unterstützung der moderaten Opposition“ und die Einrichtung einer „Sicherheits- und Flugverbotszone“ umgesetzt, hätte weder Russland, wie heute geschehen, Syrien faktisch aus der westlichen Einflusssphäre rausschmeißen können, noch gäbe es eine Konfrontation mit Flüchtlingsströmen diesen Ausmaßes. Der Westen hat mit der reflexartigen Ablehnung des türkischen Vorschlages nicht nur eines der realistischsten Lösungsvorschläge ins Leere laufen lassen, sie hat sich damit selber zum Scheitern verurteilt. Merkel braucht die Türkei, hieß es in den Medienberichten mit Blick auf die Flüchtlingskrise. Angesichts der neuen geopolitischen Lage in Syrien ist diese Feststellung eher untertrieben. Nicht nur Merkel, sondern der Westen braucht die Türkei nun mehr denn je.