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Fethullah Gülen

Fethullah Gülen steht vor einem Scherbenhaufen

In der letzten Verhaftungswelle sind mehrere mutmaßliche Informanten des Gülen-Twitter-Kanals „Fuat Avni“ verhaftet worden. Auspackende Polizeibeamte bringen den Prediger Fethullah Gülen in große Bedrängnis. Das Ausmaß der Spionagetätigkeit scheint ein Fass ohne Boden zu sein.

„Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ könnte sich der ahnungslose Prediger Fethullah Gülen in seinem selbstgewählten Luxus-Exil in Pennssylvania gedacht haben. Als seine Gefolgsleute endlich den unbequem gewordenen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan aus dem Weg räumen wollten, konnten sie vielleicht nicht ahnen, dass sie, wie tausende andere Leser, einem Falschzitat von Victor Hugo zum Opfer fielen.

Nach der letzten Verhaftungswelle gegen einer Reihe von mutmaßlichen Spitzeln in der türkischen Polizei, verstummte nun auch der berüchtigte Twitter-Kanal der Gülen-Organisation „Fuat Avni.“ Über diesen Twitter-Kanal wurden, neben Gerüchten und Falschinformation, geplante polizeiliche Ermittlungsaktionen erstaunlich genau, schon mehrere Stunden vor der eigentlichen Aktion, der Öffentlichkeit mitgeteilt. Dies verstärkte die Vermutung, dass eine Gruppe von Spitzeln bei der Polizei regelmäßig dem Twitter-Kanal geheime Informationen zugespielt hat.

Alte Weggefährten packen aus

Knapp über einem Jahr nach dem gescheiterten Versuch aus dem fernen Pennsylvania den damaligen türkischen Ministerpräsidenten mittels hörigen Jüngern im türkischen Staatsapparat loszuwerden, steht nun der Imam Fethullah Gülen selber vor einem Scherbenhaufen. Hunderte Polizisten, die mithilfe erfundener Terrororganisationen, wie „Selam Tevhid“, illegal tausende Bürger und den ganzen Staatsapparat abgehört haben sollen, sind seitdem inhaftiert und liebäugeln, nach Angaben mehrerer türkischer Medien, mit der Kronzeugenregelung, um ein mildes Urteil herauszuschlagen. So haben die letzten Aussagen tatsächlich dazu geführt, dass ein noch aktives Spionagenetzwerk aufgeflogen ist. Erst am Dienstag wurden weitere zehn mutmaßliche Spitzel bei der Polizei festgenommen.

Die in der Zeitung „Sabah“ veröffentlichte Aussage eines Kronzeugen, macht deutlich, wie mit Aktentaschen regelmäßig illegale Telefonmitschnitte zwecks Weiterverwertung durch Gülen-nahe Polizeibeamte in die USA in Sicherheit gebracht werden. Diese Aussage wird durch Kameraufnahmen von hektischen Polizeibeamten, die am 17. und 25. Dezember 2013 im Archivkeller der Polizei säckeweise Dokumente aus dem Weg schaffen, weiter gestützt. Es zeigt die Wucht der kriminellen Energie und es zeigt, wie gefährlich schnell sich eine als Sekte beschriebene Organisation einen parallelen Polizei- und Justizapparat aufbauen kann.

Wie dramatisch die Situation für Gülen ist, beweisen Dutzende geflüchtete, mutmaßliche Strippenzieher des Spionageskandals. Die Tageszeitung „Sabah“, die die geheime Organisationsstruktur der Gülen-Gemeinde nach langen Recherchen aufgedeckt hat, veröffentlichte die Fluchtorte einiger Imame, die Gülen ernannte. Der für die türkische Polizei verantwortliche Gülen-Imam, Osman Hilmi Özdil, ist nach Thailand geflüchtet, der für den türkischen Geheimdienst verantwortliche Dr. Sinan Murat Karabulut, befindet sich in Südafrika. Mehrere tief in Spionageskandale verwickelte Gülen-Anhänger befinden sich in dem für die Gemeinde strategisch bedeutendsten Land, den USA, berichtet weiter die „Sabah“.

Erdoğan selbst gab bekannt, dass die Polizeibeamten, die sein Büro verwanzten, durch die rumänische Polizei gefasst wurden und ein Auslieferungsantrag schon gestellt sei. Die Schlinge um den Prediger zieht sich also weiter zusammen. Doch die Polizei und Justiz sind nicht die einzigen Baustellen, an denen sich die Organisation mit zweifelhaften Methoden vergriffen haben soll.

Missbrauch der eigenen Medien und Finanzinstitute

Dass die Auflage ihrer bekannten Tageszeitung „Zaman“ durch die Anhänger mit zehnfach Abonnements in die Höhe getrieben wird und Zeitungen kostenlos in Haushalte verteilt werden, um die Auflage in die Höhe zu treiben, ist kein Geheimnis. Doch genau mit ähnlichen und einfach gestrickten Täuschungsmaßnahmen seien auch die eigenen Finanzdienstleister, wie die „Bank Asya“, geführt worden, berichtet die Tageszeitung „Star“.

Als sich die Bankführung weigerte der türkischen Bankenaufsicht Eigentümerinformationen herauszugeben, geriet auch die Finanzquelle des Imams unter den schwerwiegenden Verdacht der Manipulation. Die Bankenaufsicht übernahm, nach der sturen Haltung der Bankführung, die Kontrolle über das Finanzinstitut und schnell wurde klar, weshalb gesetzlich vorgeschriebene Informationen vorenthalten wurden. Die intern bekannten Namen seien keine realen Personen, sondern Decknamen, die momentan keinem zugeordnet werden könnten, berichteten mehrere türkische Medien. Personen mit Einlagen unter 1 Euro seien als Eigentümer der Bank, die auf faulen Krediten in Höhe von knapp 900 Millionen US-Dollar sitzen soll, gelistet worden. Nur mit einem, gegen die Bankengesetze verstoßenden Kreditvergabeverfahren, seien Kredite in Höhe von 1,25 Milliarden US-Dollar vergeben worden. Es sei im großen Stil manipuliert worden, berichtet das Nachrichtenportal „Haber7.com“. 

Zweifelhafte Internetbotschaften von Fethullah Gülen, in denen er Kritiker aus den eigenen Reihen als Terroristen verunglimpft, alte Weggefährten diskreditiert, zeigen zudem unverhüllt den missbräuchlichen Umgang der Organisation mit der eigenen Medienmacht. Zeitnah zu den Botschaften, werden Fethullah Gülens Anschuldigungen systematisch in Fernsehserien eingebaut, um die öffentliche Meinung vor den geplanten Verhaftungswellen durch die hörige Polizei- und Justiz zu manipulieren. So seien mehrere unbequeme Gegner  aus dem Weg geräumt worden. Die „Deutsch Türkische Zeitung“ berichtete über einen Fall und seinen sehr genau dokumentierten Ablauf von der Anschuldigung bis zur Verhaftung.

Wären nicht Tonaufnahmen von Fethullah Gülen aufgetaucht, in denen der geistliche Führer der Bewegung, einzelne Szenen in Fernsehserien „absegnet“, hätten die Anschuldigungen wenig Interesse bei den Ermittlungsbehörden geweckt. Nun sitzt Hidayet Karaca, der Vorsitzende des Gülen-Fernsehsenders „Samanyolu TV“, der jede kleine Nachricht durch Gülen persönlich abgesegnet lassen haben soll, in Untersuchungshaft. Berüchtigt sind auch die Telefonmittschnitte, in dem der Prediger Fethullah Gülen anordnet, nichts gegen die USA zu berichten.

Alte Feinde werden neue Freunde

Aber die Gemeinde hat auch neue Freunde gewonnen. Ehemalige Feinde wurden zu glühenden Verteidigern der Bewegung. 88 amerikanische Kongressmitglieder setzen sich mit einem Brief für den geistlichen Gast in Pennsylvania ein. Hartgesonnene Erdoğan-Kritiker, insbesondere in den Medien, die gestern in der Persönlichkeit Fethullah Gülen einen gefährlichen islamistischen Prediger sahen, sind plötzlich anderer Meinung. Fethullah Gülen ist nach der Feindschaft zu Erdoğan für viele zu einem vorbildlichen, muslimischen Prediger mutiert. Regelmäßig werden Gastbeiträge von Gülen persönlich oder ranghohen Gemeindemitgliedern in Zeitungen wie „New York Times“ oder „Washington Post“ veröffentlicht.

Doch in der Heimat des Predigers sieht die Situation ganz anders aus. Nach Angaben des Umfrageinstitutes Metropol ist das Ansehen des Geistlichen auf dem Tiefpunkt angelangt. Nur 3,3 Prozent der Türken haben eine positive Meinung über den Prediger. Damit rutscht Fethullah Gülen sogar hinter den PKK-Terrorchef Abdullah Öcalan, der einen Wert von 3,8 Prozent aufweisen kann.

Als Erdoğan von einem Parallelstaat redete, belächelten ihn nicht wenige als einen Verschwörungstheoretiker. Doch das mittlerweile bekannt gewordene Ausmaß der Spionageaktivitäten übersteigt jegliches Vorstellungsvermögen, und lässt nicht mehr viel Raum für Zweifel zu. Auch die systematische und hartnäckige Verteidigung der mutmaßlichen Spitzel durch die Gülen-Medien und jüngsten Entwicklungen im Falle der Kronzeugenregelung lassen wenig Raum für Zweifel. Nach allem was bekannt wurde, scheint die Gülen-Gemeinde tiefer im Sumpf zu stecken, als bislang angenommen.

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