Sabahattin Alis Roman „Die Madonna im Pelzmantel“
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Sabahattin Alis Roman „Die Madonna im Pelzmantel“

In Ankara kennt man Raif Efendi als einen introvertierten Mann der alles über sich ergehen lässt und ahnt nicht, wer sich hinter der Maske der Gleichgültigkeit verbirgt. Eine deutsch-türkische Liebesgeschichte und eine Ode an das Berlin der Zwanziger

Raif, ein schüchterner introvertierter junger Türke und die wunderschöne, willensstarke und unabhängige deutsch-jüdische Künstlerin Maria. In Berlin der zwanziger Jahre entwickelt sich zwischen diesen beiden – auf den ersten Blick grundverschiedenen – Menschen eine innige Beziehung.

Viel mehr als eine reine Liebesgeschichte, wird hier im Roman des 1948 verstorbenen Autors Sabahattin Ali sehr detailliert und sprachgewaltig die Psyche eines tief unglücklichen und von Selbstzweifeln befallenen jungen Mannes abgebildet, der in Maria einen Seelenverwandten findet. Beide scheinen ihr Vertrauen an andere Menschen verloren zu haben und sind zutiefst enttäuscht vom Leben.

Durch seine eindrucksvoll präzise und nüchterne Ausdrucksweise gelingt es dem Autor seine mit einer melancholischen Grundstimmung geschmückte Geschichte derart spannend und interessant rüberzubringen, dass man als Leser zwar emotional sehr tief in die Geschichte eintaucht, mit den Protagonisten mitfühlt, jedoch in keinem Abschnitt des Romans das Gefühl bekommt, emotional überfordert zu sein. Der Autor schafft etwas verständlich zu machen, was sehr schwer in Worte zu fassen ist.

Der 1943 veröffentlichte Roman gibt auch viele Eindrücke über das rauschende Leben in Berlin der zwanziger Jahre mit seiner Hyperinflation, Galerien, Lokalen und Nachtleben und ist mit einem wunderschönen Schreibstil in eine geschickte Rahmenhandlung in Ankara verpackt, die die Beziehung der beiden Protagonisten Jahre später im Rückblick aufarbeitet.

Ein fesselnder und tiefgründiger Roman den ich jedem Buchliebhaber ans Herz legen kann. Nicht umsonst gilt Sabahattin Ali als Großmeister der türkischen Prosa, seine Werke gehören zu den Klassikern der literarischen Moderne.

Sabahattin Ali wurde 1907, als Bürger des Osmanischen Reiches, am Ufer des Arda geboren, einem Fluß, der in den Balkankriegen um die Aufteilung des osmanischen Erbes, schließlich an Bulgarien fiel.

Von 1928 bis 1930 studierte er in Deutschland und arbeitete später als Deutschlehrer in der Türkei. Zusammen mit Aziz Nesin gab er satirische und literarische Zeitschriften heraus, wurde jedoch aufgrund seiner sozialkritischen Positionen immer wieder verhaftet.

Beim Versuch, nach Bulgarien zu fliehen, wurde Sabahattin Ali am 2. April 1948 kurz vor der Grenze in Kirklareli ermordet. Die genauen Umstände seines Todes hat man nie ganz klären können.

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